Wörter aus einem untergegangenen Land

Hamburg im Sommer 1989. Ich steige mit meinen Eltern aus dem Zug. Eine lange Reise liegt hinter uns. Wir haben es geschafft dem Iran zu entkommen und viele Grenzen zu überwinden. Ein neuer Anfang steht bevor, aber nicht nur für mich und meine Familie. Denn in diesem Jahr wird Deutschland wieder Eins werden. Ich bin fünf Jahre alt und bekomme von all der Spannung, die in der heißen Sommerluft liegt nichts mit. Dieses Jahr sollte noch besonders werden. Es wird Geschichte geschrieben. Die Mauer fällt! Heute 25 Jahre später versuche ich mir vorzustellen, was es damals für die Bevölkerung bedeutet haben muss, über Nacht durch eine Grenze im eigenen Land geteilt zu werden. Eine Grenze die sich durch das gesamte Land zieht, Familien voneinander trennt und den Grundstein zu einer großen Kluft zwischen Ost und West legt. Eine Grenze bedeutet Abgrenzung. Abgrenzung im gesellschaftlichen, sozialen, politischen, kulturellen und menschlichen Bereich. Der Sozialismus mit seiner Planwirtschaft und den Drang zur Gleichheit unter der Bevölkerung in der DDR war so gegensätzlich zum Kapitalismus im Westen, dass es nicht schwer nachzuvollziehen ist, dass die DDR-Bürger ihren eigenen Rhythmus im Alltag entwickelt haben. Aufgrund der Tatsache, dass durch Verbote oder durch die Mangelwirtschaft viele Waren schwer zu erwerben waren, entwickelten die DDR-Bürger eine enorme Kreativität im Alltag. Sie halfen sich untereinander, improvisierten, tauschten oder funktionierten Gegenstände um, um am Ende ans Ziel zu kommen. Nicht nur der Alltag unterschied sich vom Westen, auch die Sprache wurde spezifiziert. Es gab neu eingeführte Wörter, Neubedeutungen, Parallelbenennungen, von der Bevölkerung gebildete Wörter, offizielle und inoffizielle Begriffe. Ich widme mich in meiner Arbeit den inoffiziellen Begriffen, die ein Ausdruck der Rebellion und Unzufriedenheit darstellen. Diese metaphorischen Wortspiele spiegeln den Humor, die sarkastische Denkweise und die Kreativität der Bürger wieder.

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